Ich habe an der Europäischen Sommer-Universität in Ravensbrück teilgenommen.
Die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück richtet jedes Jahr die Europäische Sommer-Universität aus. In diesem Jahr nehmen rund 140 Personen daran teil, darunter Studierende, Promovierende, Mitarbeiter:innen anderer Gedenkstätten sowie Personen verschiedensten Alters und Berufsfelder. Das fünftägige Programm der Sommer-Universität umfasst Vorträge, Workshops, themenspezifische Führungen, Filmvorführungen und künstlerische Abendveranstaltungen.
Erste Eindrücke während der Führung
Tag 1:
Am Vormittag nahmen wir an einer Führung teil. Obwohl viele Gebäude nicht mehr existieren, war ich von der Größe des Geländes beeindruckt. Ein Bett wurde damals oft von drei oder vier Personen geteilt. Eine Mitarbeiterin zeigte uns zahlreiche Zeichnungen, die halfen, sich das Leben im KZ vorzustellen. Mir wurde erstmals wirklich bewusst, was es bedeutete, dort seine Identität, Freiheit und Rechte zu verlieren.
Ich fragte, ob jemandem die Flucht gelungen sei. Es gab mehrere Versuche, aber der Mitarbeiterin war nur ein erfolgreicher Versuch bekannt: Eine polnische Frau konnte über den See entkommen. Wie ihr das trotz Wachtürmen und SS-Bewachung gelang, ist bis heute nicht klar. Sie erreichte das andere Ufer, besorgte sich Kleidung aus einem Haus und floh nach Polen. Nach dem Krieg kehrte sie nach Ravensbrück zurück, um die gestohlene Kleidung zurückzugeben.
Ein weiterer Aspekt, der mich beschäftigte, war die Rolle der Aufseherinnen. Viele von ihnen hatten sich auf Zeitungsanzeigen hin beworben – die Arbeit im KZ war besser bezahlt als andere Jobs. Ich stellte mir die Frage: Was wäre gewesen, wenn ich damals gelebt hätte? Hätte ich mich ebenfalls beworben? Und wie hätte ich reagiert, wenn ich die Realität der Arbeit als Aufseherin im KZ erkannt hätte? Hätte ich mich gewehrt, wenn ich eine nationalsozialistische Erziehung genossen hätte?
Der schmerzlichste Moment war für mich der Besuch des Krematoriums. Es fehlen die Worte, um das auszudrücken.
Präsentationen am Nachmittag
Am Nachmittag hörten wir fünf Präsentationen von Studierenden, die ihre Abschlussarbeiten sowie ihre beruflichen Erfahrungen in Ravensbrück und anderen Lagern vorstellten. Da ich selbst an meiner Masterarbeit zu einem ähnlichen Thema arbeite, war das für mich sehr motivierend und inspirierend.
Besonders bewegend fand ich den Vortrag einer Teilnehmerin über ihren Großvater. Er wurde in den 1960er Jahren verhaftet, 1965 zu lebenslanger Haft verurteilt und 1985 entlassen. Ich möchte vermeiden, aus heutiger Perspektive „richtig“ oder „falsch“ zu urteilen, da wir nicht vollständig nachvollziehen können, wie Menschen während des Nationalsozialismus erzogen wurden und gelebt haben.
Ich halte es für wichtig, Täterschaft nicht nur individuell, sondern auch gesellschaftlich zu betrachten. Entscheidend ist für mich, diese Geschichten nicht ausschließlich moralisch zu bewerten, sondern sie im Kontext von Menschlichkeit und gesellschaftlicher Verantwortung zu verstehen.
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